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Motorische Leistungsfähigkeit im Kindes- und Jugendalter

Motorische Leistungsfähigkeit im Kindes- und Jugendalter

Wenn man der motorischen Leistungsfähigkeit im Kindes- und Jugendalter eine gesundheitliche Bedeutung zu Grunde legen will, so muss sie sich in diesem Lebensabschnitt ausprägen und verbessern lassen. Daher soll in diesem Abschnitt die Trainierbarkeit der einzelnen motorischen Fähigkeiten im kindlichen und jugendlichen Alter näher beleuchtet werden.

Eine Entwicklung der motorischen Leistungsfähigkeit setzt die sportliche Trainierbarkeit voraus. Sie ist die komplexe Eigenschaft, Belastungen des Trainings mit physischen und psychischen Anpassungen zu beantworten. Dies ist in allen Lebensaltern möglich, auch wenn diese in Abhängigkeit der Entwicklungsphase stark schwankt (Israel, 1992, Koinzer, 1995a, Martin et al. 1999). Bis zur Beendigung der Pubertät unterliegen die Anpassungsprozesse, aufgrund von somatischen und psychischen Veränderungen, den starken individuellen Schwankungen (Zeller, 1957).

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen; daher sollte deren Training entsprechend den Phasen der Entwicklung adäquat gestaltet werden. Es besteht aber keine generalisierte Schonbedürftigkeit des kindlichen bzw. jugendlichen Organismus gegenüber sportlichen Belastungen (Koinzer, 1995a). In der Vergangenheit wurde über eine Gefahr der Überlastung des kindlichen Organismus und dabei vor allem des kardialen Systems, infolge von lang andauernder oder kurzer intensiver körperlicher Belastung, spekuliert (Israel, 1999, Portela, 1996).

Diese These wurde allerdings durch zahlreiche Forschungsergebnisse widerlegt. Untersuchungen von Kindermann, Keul & Lehmann (1979), Keul, Huber, Schmitt, Kindermann & Berg (1984) und Wasmund (1978) haben gezeigt, dass für Kinder aus kardialer Sicht keine begründete Gefährdung durch Sport besteht. Vieth (2005) geht sogar von einem größeren Risiko der Unterbelastung aus.

Im Folgenden soll die Entwicklung der einzelnen motorischen Fähigkeiten im Kindesalter nochmals näher beleuchtet werden und eventuell bestehende geschlechtsspezifische Differenzen hervorgehoben werden.

Entwicklung der Ausdauer im Kindesalter

Bei der Betrachtung der Entwicklung der Ausdauer im Kindesalter, muss zwischen der aeroben und anaeroben Ausdauer unterschieden werden. Bis zum frühen Erwachsenenalter kommt es zu einem kontinuierlichen Anstieg der aeroben Ausdauerfähigkeit (Conzelmann, 1994). Nach Martin et al. (1999) stellt aerobe Kapazität, bezogen auf die physische Entwicklung, eine relativ unabhängige und neutrale Leistungsvoraussetzung dar. Dies bedeutet, dass Individuen unabhängig ihres Alters mit vergleichbaren, organischen Anpassungen reagieren. Daher ist die aerobe Ausdauer bei Kindern auf dem gleichen Niveau trainierbar wie bei Jugendlichen oder Erwachsenen.

Bei der geschlechtsspezifischen Betrachtung lassen sich nach Hollmann & Hettinger (1990) im Kindesalter kaum nennenswerte Unterschiede feststellen. Erst ab der Pubertät weisen Jungen gegenüber Mädchen eine größere aerobe Leistungsfähigkeit auf. Gegensätzlich dazu stellten Klaes, Rommel, Cosler & Zens (2003) in der WIAD II-Studie, Klein, Emrich, Schwarz, Papathanassiou, Pisch, Kindermann & Urhausen (2004) in der IDEFIKS-Studie und May (2007) in einer vorangegangenen Untersuchung der Emotikon-Studie bei männlichen Heranwachsenden eine höhere Ausdauerfähigkeit gegenüber weiblichen nach. In der anaeroben Leistungsfähigkeit lassen sich in der Jugend keine Differenzen bezüglich des Geschlechts aufweisen. Kinder zeigen gegenüber Erwachsenen eine geringere Fähigkeit der laktaziden Energiebereitstellung (Conzelmann, 1994, Martin et al., 1999), wobei diese durch Training bereits im Schulkindalter erweitert werden kann (Bormann, Pahlke & Peters, 1981).

Entwicklung der Kraft und der Schnelligkeit im Kindesalter

Nach Schmidtbleicher (1994) gibt es zwischen der Entwicklung von Kraftkomponenten und der Bewegungsschnelligkeit enge statistische und physiologische Zusammenhänge, sodass deren Entwicklungsverlauf parallel verläuft. Daher wird die Beschreibung der Entwicklung dieser beiden Fähigkeiten zusammen abgehandelt. Beide Komponenten hängen maßgeblich von dem Verhältnis der Muskel- zur Gesamtkörpermasse ab. Darüber hinaus spielen neuronale Faktoren eine entscheidende Rolle. In den frühen Lebensabschnitten bis zur puberalen Phase, kommt es zu einer stetigen Zunahme der Leistungsfähigkeit im Kraft- und Schnelligkeitsverhalten. Bis zur Pubertät lassen nach Schmidtbleicher (1994) die Entwicklungsverläufe von Jungen und Mädchen kaum Unterschiede erkennen.

Erst ab dem 13. bis 14. Lebensjahr weisen Jungen, aufgrund der günstigeren genetischen Voraussetzung und der daraus resultierenden vermehrten Produktion des Sexualhormons Testosteron, eine bessere Trainierbarkeit auf. Entgegen dieser Befunde von Schmidtbleicher (1994) stehen erneut die Ergebnisse aktuellerer Studien. Bös (2006), Klaes et al. (2003), Klein et al. (2004) und May (2007) wiesen geschlechtsspezifische Differenzen, sowohl in Kraft- als auch Schnelligkeitsdisziplinen, zugunsten der männlichen Heranwachsenden nach.

Entwicklung der Beweglichkeit im Kindesalter

Die Beweglichkeit als komplexe Fähigkeit ist nicht generalisierbar, sondern körperregional gebunden. Daher ist es schwierig allgemeingültige Aussagen über die Entwicklung im Alternsgang zu machen. Infolge von chemischen und strukturellen Veränderungen in der Muskulatur, den Sehnen, den Bändern und in den Faszien, kann eine Abnahme der Beweglichkeit mit zunehmendem Alter beobachtet werden (Gaschler, 1994). Vom Vorschulalter bis zur Pubertät kommt es hingegen zu einer vermehrten Beugefähigkeit im Hüft- und Schultergelenk, sodass beim Rumpfbeugen vorwärts zunehmend bessere Werte erzielt werden (Winter, 1987). Beim geschlechtsspezifischen Vergleich weist das weibliche Geschlecht in allen Altersklassen eine höhere Beweglichkeit auf (Gaschler, 1994). Diese Tendenz wurde sowohl durch die IDEFIKS-Studie (Klein et al., 2004) als auch durch die EMOTIKON-Studie (May, 2007) belegt.

Bezüglich geschlechtsspezifischer Unterschiede in der körperlichen Leistungsfähigkeit bei Heranwachsenden bleibt resümierend zu konstatieren, dass weitestgehend Uneinigkeit in der Literatur herrscht. Aktuelle Studien wie die IDEFIKS-, KIGGS-, WIAD- und die EMOTIKON-Studie zeigen allerdings Differenzen in sportmotorischen Tests zwischen Jungen und Mädchen auf. Es bleibt anhand dieser Untersuchungen jedoch ungeklärt, wodurch die Unterschiede bedingt sind.

Hormonelle Diskrepanzen, wie sie im Erwachsenenalter bestehen, machen sich bei Heranwachenden erst ab dem 12. oder 13. Lebensjahr bemerkbar. Dabei produzieren die weiblichen Jugendlichen vermehrt Östrogene, die männlichen primär Androgene wie Testosteron. Dieses anabole Hormon ist unter anderem für die Bildung und Ausprägung von Muskulatur verantwortlich (de Mareés, 1989). Auch hinsichtlich der Hämoglobin-Konzentration, die für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich ist und somit großen Einfluss auf die aerobe Ausdauerfähigkeit hat, machen sich geschlechtsspezifische Differenzen erst ab dem 13. Lebensjahr bemerkbar (Thierfelder, Dortschy, Hintzpeter, Kahl & Scheidt-Nave, 2007). Nach Gottschalk (1982) ist die funktionelle und morphologische Adaptation bei weiblichen Individuen gegenüber männlichen nicht als schlechter zu bewerten. Bei Frauen und Mädchen verlaufen die Anpassungsprozesse allerdings „anders“ als bei Männern und Jungen. Alle morphologischen und biochemischen Geschlechtsunterschiede sind bei Weitem noch nicht bekannt. Genetische von sozial determinierten Differenzen abzugrenzen stellt sich äußerst schwierig dar (Kuhnle & Krahl, 2003).

Studien zur motorischen Leistungsfähigkeit im Kindes- und Jugendalter

Nach Bös (2006) gibt es seit den 50´er-Jahren umfassende empirische Untersuchungen zur motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. In jüngerer Zeit gibt es zahlreiche Diskussionen, die bis in den Bundestag hineinreichen, über den Fitnesszustand der Heranwachsenden. Die Vielzahl von Testverfahren und Untersuchungen zur Erfassung der motorischen Leistungsfähigkeit erschweren, aufgrund der fehlenden Vergleichbarkeit der Tests untereinander, eine genaue Aussage über die Entwicklung der Fitness der jungen Bevölkerung in den letzten Jahren.

Bös (2006, S.93f) fasst 20 Arbeiten zur motorischen Leistungsfähigkeit aus den Jahren 1986 bis 2001 tabellarisch zusammen und resümiert die Ergebnisse der Studien. In den Arbeiten wurden vergleichende Bewertungen vorgenommen. Studien, in denen Entwicklungsverläufe dargestellt sind, folgen im Anschluss.
In sieben Arbeiten wurde der Körperkoordinationstest für Kinder (KTK) von Kiphard und Schilling (1979) verwendet. Im Mittel galten über ein Viertel der Kinder als förderungsbedürftig. Je nach Studie variierte der Anteil dieser Schüler und reichte bis zu einem Spitzenprozentsatz von 61%. In vier Aufsätzen wurde der Test von Dordel (1997) zur Bestimmung der motorischen Leistungsfähigkeit (BML) zugrunde gelegt. Prozentual galten im Durchschnitt 40% der Kinder als auffällig im negativen Sinne.

Das Hauptproblem bei diesen Studien ist die vermeintlich willkürliche Festsetzung der Grenzwerte für gute bzw. schlechte Leistungen. Mehr Aufschluss über die Entwicklung der Leistungsfähigkeit der letzten Jahre und Jahrzehnte können Studien geben, in denen Trends untersucht wurden. Auch hierzu stellt Bös (2006, S.97) eine Zusammenfassung von Studien dar, denen ein Untersuchungszeitraum in einem zeitlichen Intervall von 5 bis 30 Jahren zugrunde liegt.

Nach Bös (2006) stammt die bedeutendste Untersuchung von Raczek (2002), in der bei einer Stichprobengröße von über 10.000 Probanden im Alter von 8 bis 18 Jahren, in einem Zeitraum von drei Jahrzehnten, ein hochsignifikanter Rückgang der Leistungsfähigkeit beiderlei Geschlechts gezeigt wurde. Die Tests wurden von 1965 bis 1995 alle zehn Jahre durchgeführt. Die Leistungseinbußen wurden vor allem in den energetisch-konditionellen Disziplinen deutlich.

Bös´ (2006) zusammenfassende Kommentare zu den weiteren ausgewählten Studien lassen ein eindeutiges Bild entstehen. Zu der Studie von Gaschler & Heinecke (1990) bilanziert er eine abnehmende Beweglichkeit, bei zumindest gleich bleibender Kraft. Das Fazit von Bös (2006) zu der Untersuchung von Eggert, Brandt, Jendritzki & Küppers (2000) ist eine Verschlechterung für alle Altersgruppen in der motorischen Leistungsfähigkeit. Durch die Daten der systematischen Messung der Leistungsfähigkeit von Schulanfängern über zehn Jahre (1989 bis 1998) von Kirchem (1998), kommt Bös (2006) ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die motorischen Fähigkeiten kontinuierlich abnehmen.
Den negativen Trend unterstützend, kommt Klaes et al. (2003) zu dem Ergebnis, dass seit 1995 ein Rückgang der motorischen Leistungsfähigkeit um 20% bei den 10- bis 14jährigen zu verzeichnen ist. Im Durchschnitt erreichen nur noch 80% der Jungen und 74% der Mädchen die Ausdauer-, Kraft- und Koordinationsleistungen der Gleichaltrigen aus dem Jahr 1995.
Allein zwischen den Jahren 2001 und 2002 ist ein signifikanter Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit der 6- bis 18jährigen zu verzeichnen. Der Leistungsabfall zeigt sich bei beiden Geschlechtern in der Koordination und bei den weiblich Jugendlichen noch stärker als bei den männlichen, auch in der aeroben Ausdauer (Klaes et al., 2003).

Die Ergebnisse der IDEFIKS-Studie, die 6.- und 9.Klässler an erweiterten Real- und Gesamtschulen sowie Gymnasien hinsichtlich der sportmotorischen Leistung untersuchte, zeigten keine generelle Verschlechterung. Klein et al. (2004) deuten eher auf eine Verschiebung des Gesamtspektrums sportmotorischer Fähigkeiten. Im Vergleich zu früheren Studienergebnissen aus den Jahren 1975 bis 1993, bei denen analoge Tests durchgeführt wurden, zeigt sich ein Leistungsrückgang beim Jump-and-Reach-Test, beim Klimmzughang sowie beim Stand-and-Reach-Test. Die aerobe Ausdauerfähigkeit, die mittels des 6-Minuten-Laufes ermittelt wurde, ist nach diesen Studienergebnissen konstant. Beim 20m-Sprint und beim Einbeinstand wurden sogar bessere Ergebnisse als in früheren Untersuchungen an den Tag gelegt.

Prätorius & Milani (2004) und Dordel (2000) bilanzieren, aus dem Vergleich aktueller Untersuchungen und den Studien von Schilling aus dem Jahr 1974, dass sich die koordinativen Fähigkeiten von Schülern im Alter von 6 bis 13 Jahren nicht wesentlich verschlechtert haben. Die Behauptungen, motorische Auffälligkeiten nähmen zu, bzw. sportliche Leistungen würden absinken, konnten nicht bestätigt werden. Auch Kretschmer & Giewald (2001) konnten bei Grundschülern im Alter von 7 bis 10 Jahren keinen Trend zu einer verminderten Leistungsfähigkeit gegenüber den früheren Studien von Bös & Wohlmann (1987) zeigen. Nach Klein (2006) war in den Untersuchungen von Gaschler (2000) ebenfalls keine Verschlechterung der Fitness bei Heranwachsenden in den letzten 20 Jahren zu beobachten.

Dieser Artikel ist ein Auszug einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit mit dem Titel: „Zusammenhang zwischen der Ruheherzschlagfrequenz und der motorischen Leistungsfähigkeit im Schulkindalter“ - Autor: Julian Bergmann
Die gesamte Arbeit inklusive des Quellenverzeichnisses findest du hier.

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