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Sportliches Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen

Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen

In diesem Artikel soll zunächst ein kurzer Überblick über die Bedeutung sowie den Stellenwert eines sportlichen Freizeitverhaltens bei Kindern und Jugendlichen gegeben werden. Anschließend werden Studienergebnisse skizziert, die das Aktivitätsniveau von Heranwachsenden untersucht haben. Darauf folgt die Darstellung des Stellenwertes des Sportvereins im sportlichen Freizeitverhalten bei Jugendlichen.

Bedeutung des sportlichen Freizeitverhaltens

Die Bedeutung einer aktiven Lebensführung nimmt eine besondere Rolle in den ersten Jahren des Lebens ein. Bereits im Jugendalter verfestigt sich ein Lebensstil soweit, dass körperliche Inaktivität zur Gewohnheit wird. Kinder, denen dies widerfährt, haben es als Erwachse schwerer eine aktive Lebensführung aufzunehmen (Kurz & Tietjens, 1998). Das sportliche Freizeitverhalten stellt für die physische und motorische, emotionale, psychosoziale und kognitive Entwicklung von Kindern eine fundamentale Voraussetzung dar (BASPO, 2007, Graf et al., 2006, Prätorius & Milani, 2004).

Brettschneider (2006, S.55) betont, dass „sportliche Aktivitäten in allen Varianten in quantitativer wie auch qualitativer Sicht, wichtige Bausteine im Freizeitverhalten der Heranwachsenden“ darstellen. Es sei nicht von Bedeutung, ob Kinder und Jugendliche ihren Alltag durch sportliche Aktivitäten im formellen Kontext wie der Schule, der Arbeitsgemeinschaft bzw. dem Verein oder im informellen Kontext, also der Freizeit, ausüben.

Stellenwert des sportlichen Freizeitverhaltens bei Kindern und Jugendlichen

Freunde, Sport und Medien gelten nach Brettschneider (2006) als die drei Säulen der Freizeitgestaltung im Kindes- und Jugendalter. Zu bestätigenden Ergebnissen kam die Studie an 6- bis 13jährigen von Feierabend & Rathgeb (2006). In der Wahl der liebsten Tätigkeiten, lagen Zusammensein mit Freunde“, Draußen spielen, Fernsehen und Sport treiben auf den vordersten Rängen. Über 70% der Gymnasiasten und 61% der Real- und Gesamtschüler gaben in der IDEFIKS-Studie im Saarland Sport bzw. Bewegung als eine ihrer liebsten Freizeitaktivitäten an (Emrich, Klein, Papathanassiou, Pitsch, Schwarz & Urhausen, 2004).

Der Sportunterricht und die körperliche Aktivität, als Beschäftigung in der disponiblen Zeit, werden bei Jugendlichen als besonders bedeutungsvoll angesehen. 80% der Grundschüler besitzen großes Interesse am Schulsport (Liebisch, Schieb, Woll, Wachter & Bös, 2004). Aus einer vorangegangen Arbeit der EMOTIKON-Studie geht hervor, dass über 60% der Jungen und knapp die Hälfte der Mädchen Sport als ihr Lieblingsfach wählten. Bei über 90% der Jungen war der Sportunterricht unter den ersten drei Plätzen, in der Wahl des beliebtesten Faches, vorzufinden (Bergmann, 2008).

Studien zum sportlichen Freizeitverhalten von Kindern und Jugendlichen

Nach offiziellen Richtlinien beträgt die tägliche Mindestempfehlung für Bewegung bei Jugendlichen gegen Ende des Schulalters 60min; bei jüngeren Kindern deutlich mehr (BASPO, 2007, Corbin, Pancrazi & Masurier, 2004). Obwohl Heranwachsende Sport als etwas Positives bewerten und er zu den liebsten Tätigkeiten in der Freizeit gezählt wird (vgl. Bergmann, 2008, Brettschneider, 2006, Feierabend & Rathgeb, 2006, Liebisch et al., 2004), scheint das Pensum körperlicher Aktivität bei Kindern und Jugendlichen laut einiger Studien, deren Ergebnisse im Folgenden näher erläutert werden, eher gering zu sein. Dies bestätigt die von der WHO geförderte Studie Health Behavior in School-aged Children (HBSC). Gerade einmal ein Drittel der Jungen und ein Viertel der Mädchen geben an, dass sie an den meisten Tagen in der Woche aktiv sind. Nach Untersuchungen der Universität Karlsruhe, spielen sogar ein Viertel der befragten Grundschüler, im Alter von 6 bis 10 Jahren, nur noch maximal einmal in der Woche im Freien (Lampert, Mensink, Romahn & Woll, 2007).

Betrachtet man die Entwicklung der Bewegungsumfänge in den letzten Jahrzehnten, so ist ein kontinuierlicher Rückgang zu verzeichnen. In den siebziger Jahren betrug die körperliche Aktivität von 6- bis 10jährigen noch drei bis vier Stunden. Heute sind es nach Bös et al. (2001) durchschnittlich lediglich 60min pro Tag; davon nur 15 bis 30 Minuten intensiv. Im Durchschnitt entspricht der Bewegungsumfang, mit einer Stunde am Tag, dem geforderten Mindestmaß. Unter den Probanden befanden sich jedoch einige, die sich mehr und andere, die sich deutlich weniger oder überhaupt nicht sportlich aktiv bewegten.

Nach Kurz, Sack & Brinkhoff (1996) treiben annähernd ein Fünftel, nach Liebisch et al. (2004) sogar über ein Viertel der Jugendlichen außerhalb des Schulsportunterrichts gar keinen oder weniger als einmal pro Woche Sport. Lampert et al. (2007) unterstreicht diese Ergebnisse; jedes vierte Kind im Alter von 3 bis 10 Jahren treibt nicht regelmäßig und jedes achte Kind gar keinen Sport außerhalb des Pflichtunterrichtes. In dem Fragebogen der IDEFIKS-Studie gaben über 27% der Eltern an, dass ihr Kind keinen Sport treiben würde (Emrich et al., 2004).

Die KIGGS-Studie des Robert Koch-Instituts, die vom Jahr 2003 bis 2006 den Gesundheits- und Bewegungsstatus von Kindern und Jugendlichen untersucht hat, relativiert die kritische Sicht auf das sportliche Engagement und kommt auch zu positiven Befunden bezüglich der körperlichen Aktivität bei Heranwachsenden. So konnte bereits bei Dreijährigen eine hohe Prävalenz der Sportbeteiligung von 50% nachgewiesen werden. Drei Viertel der 3- bis 10jährigen spielen täglich im Freien und ebenfalls annähernd 75% der gleichen Altersklasse machen Sport in einem Verein. Die Rate derjenigen, die dreimal oder öfter trainieren ist wiederum niedrig und liegt bei den Jungen bei 9,1% und bei den Mädchen bei nur 5%. Nimmt man den Freizeitsport mit in die Berechnung hinein, kommen 43,1% der männlichen und 36,2% der weiblichen jungen Heranwachsenden auf eine mindestens dreimalige sportliche Belastung in der Woche. Bei den Jugendlichen im Alter von 11 bis 17 Jahren sind knapp 90% der Jungen und gut 78% der Mädchen mindestens einmal in der Woche so aktiv, dass sie ins Schwitzen kommen. Mehrmals pro Woche kommt dies in dieser Altersklasse wiederum nur bei jedem vierten Jungen und jedem sechsten Mädchen vor. Für ein Viertel der Mädchen dieser Altersklasse spielt sportliche Aktivität überhaupt keine Rolle in der Freizeitgestaltung (KIGGS, 2006, Lampert et al., 2007).

Laut der WIAD-Studie treiben knapp 80% der 6- bis 10jährigen Jungen und gut 60% der gleichaltrigen Mädchen mehrmals pro Woche Sport. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass mehr als ein Drittel der weiblichen und gut ein Fünftel der männlichen Jugendlichen einmal in der Woche oder gar nicht körperlich aktiv ist. Die Inaktivität kann nicht durch den Schulsport kompensiert werden (Klaes et al., 2003).

Dass Deutschland keine Ausnahme darstellt, ergeben Studien aus der Schweiz. Dort zeigen sich analoge Befunde. Lediglich 14% der 10- bis 14jährigen Schweizer und Schweizerinnen sind, bis auf den obligatorischen Schulsport, körperlich inaktiv. Nur 40% der Kinder betätigen sich die geforderten 60 Minuten täglich aktiv (Moses, Meyer, Puder, Roth, Zahner & Kriemler, 2007).

In dem Überblick über das sportliche Freizeitverhalten wurde zum Teil auf die geschlechtsspezifische Differenzierung verzichtet. Der Großteil der Studien wies bei den Jungen ein höheres Maß an Aktivität gegenüber den Mädchen nach (Bös et al., 2001, Emrich et al., 2004, KIGGS, 2006, Klaes et al., 2003, Moses et al., 2007).

Stellenwert des Sportvereins im sportlichen Freizeitverhalten bei Kindern und Jugendlichen

Die eigenverantwortlich organisierten Freizeitaktivitäten haben sich nach Büchner (2001) in institutionelle Orte wie Vereine verlagert, auch wenn der Freizeitsport nach Brettschneider (2006) ebenfalls einen Anstieg in der Partizipation von Jugendlichen aufweist. Trotz hoher Fluktuationsraten, nimmt der Sportverein eine herausragende Bedeutung für das jugendliche Sportengagement ein. Obwohl die Dropout-Raten in den letzten Jahren zugenommen haben, können Vereine, durch die Kompensation von Neu- und Wiedereintritten, über Zuwächse der Mitgliedszahlen berichten (Brettschneider, 2006, Gogoll, Kurz & Menze-Sonneck, 2006, Nagel, 2003).

53% der Grundschüler treiben Sport im formellen Kontext (Liebisch et al., 2004). Auch bei den 12- bis 18jährigen ist etwa jeder Zweite Mitglied in einem Sportverein und nur 20% der Jugendlichen haben nie Kontakt zu der Nummer eins der Jugendorganisationen in Deutschland (Brettschneider & Kleine, 2002, Kurz et al., 1996).

Es bestehen zahlreiche Studien, die Vergleiche zwischen Vereinsmitgliedern und Nicht-Vereinsmitgliedern aus gesundheitlicher und leistungsbezogener Sicht unternehmen. Sie kommen zu dem analogen tendenziellen Ergebnis, dass Mitglieder in einem Sportverein fitter sind als Nicht-Mitglieder. Neben der Überlegenheit der körperlichen Leistungsfähigkeit stellen die Studien heraus, dass Vereinssportler gesünder sind und zudem mehr soziale Kontakte besitzen als jene, die sich dem Sport im formellen Kontext entziehen (vgl. Bös, Opper & Woll, 2002, Sygusch, 2000, Tietjens, 2001, Ulmer, 2002). Zudem stellten Bös, Oberger, Opper, Rohmann, Wagner & Worth (2006) heraus, dass die institutionalisierte körperliche Aktivität mit höheren Intensitäten betrieben wird als der Schul- oder Freizeitsport. Bei diesen Untersuchungen muss angemerkt werden, dass unter den Vereinsungebundenen keine Differenzierung bezüglich aktiver oder inaktiver Probanden vorgenommen wurde.

In der Evaluationsstudie von Brettschneider & Kleine (2002) wurden Vereinssportler mit sportlich aktiven Freizeitsportlern verglichen. Das Ergebnis der Studie war, dass Jugendliche, die sich aktiv im formellen sportlichen Kontext engagieren, gegenüber Heranwachsenden, die informell körperlich aktiv sind, keine nennenswerten Entwicklungsvorteile aufweisen. Daher warnen Brettschneider & Kleine (2002) davor, dem Sportverein eine zu hohe Bedeutung bezüglich der Ausprägung des Leistungsvermögens zuzuschreiben. Kleas et al. (2003) bekräftigt dies und verweist darauf, dass eine hohe Leistungsfähigkeit nicht zwangsläufig auf den Sportverein zurückzuführen ist. Zwischen der körperlichen Fitness und der Vereinszugehörigkeit besteht eine enge Wechselbeziehung. Demnach werden Kinder und Jugendliche, die ohnehin schon fit sind, eher Mitglied in einem Sportverein.

Dass der Sportverein nicht zwangsläufig zur Vermeidung körperlicher Inaktivität führt, zeigte eine Untersuchung zum Bewegungsverhalten an Primarschulkindern. Moses et al. (2007) wiesen eine von der ersten zur fünften Klasse ansteigende Partizipation in Sportvereinen, bei gleichzeitiger Abnahme der Aktivität nach. Die Bewegung wurde objektiv mittels eines Beschleunigungsmessers erfasst.

Zusammenfassung

Der positive Eindruck, der bei der Betrachtung des Stellenwertes von Sport und der Entwicklung der Sportvereinspartizipation entsteht, kann nach Studien zur Bewegungsaktivität von Kindern im Alltag nicht aufrechterhalten werden. Trotz des großen Interesses am Schul- und Freizeitsport und konstant hoher Mitgliedszahlen in den Vereinen, besteht bei Kindern widersprüchlicherweise eine geringe Bewegungsaktivität im Alltag. Viele Kinder und Jugendliche erreichen das geforderte Mindestmaß an Bewegung nicht (Bergmann, 2008, Bös et al., 2001, Emrich et al., 2004, Klaes et al., 2003, Lampert et al., 2007, Liebisch et al., 2004).

Der Sportverein stellt die Organisationsform mit dem höchsten Organisationsgrad bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland dar. Somit spielt er eine entscheidende Rolle im sportlichen Freizeitverhalten von Heranwachsenden (Brettschneider, 2006). In der Leistungsfähigkeit und ausgewählten gesundheitlichen Parametern sind die Vereins-Sportler den Nicht-Vereinsaktiven überlegen (vgl. Bös, Opper & Woll, 2002, Sygusch, 2000, Tietjens, 2001, Ulmer, 2002). Der Sportverein scheint aber nicht die einzige Möglichkeit zu sein die Gesundheit und Fitness auf ein hohes Niveau zu bringen. Neben kommerziellen Sportanbietern wie Fitnessstudios, gibt es zahlreiche Möglichkeiten die Freizeit aktiv zu gestalten, um die Fitness zu erhalten und zu fördern (Brettschneider, 2006).

Dieser Artikel ist ein Auszug einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit mit dem Titel: „Zusammenhang zwischen der Ruheherzschlagfrequenz und der motorischen Leistungsfähigkeit im Schulkindalter“ - Autor: Julian Bergmann
Die gesamte Arbeit inklusive des Quellenverzeichnisses findest du hier.

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